Lesung: Flirt mit dem Sommer, die Texte

Die Texte können Sie hier lesen:

 

© Anne Koch-Gosejacob:

Jagdfieber

Endlich: Sommernacht und Vollmond. Ich habe es mir auf meinem kuscheligen Bett in der großen Erdgeschosswohnung gemütlich gemacht und warte, bis es im ganzen Haus still geworden ist. Dann steige ich vorsichtig durch das offenstehende Küchenfenster, springe hinunter in meinen verwilderten Lieblingsgarten und verschwinde ungesehen. 

Eine dicke weiße Wolke, die eben noch den honiggelben Mond verdeckt hat, zieht endlich weiter. Nun strahlt er wieder hell über die roten Dächer der Stadt und zeigt mir den Weg. Ich aber meide das helle Mondlicht, schleiche unter den Bäumen der breiten Allee und weiter hinter den hohen, dichtstehenden Sträuchern des engen steinigen Pfades hinunter zum leise gluckernden Fluss, zu dem kleinen ramponierten Bootshaus, in dem sie wohl seit gestern Zuflucht gefunden hat. 

Ich hatte am Ufer auf dem Bauch im Gras gelegen, mir von den letzten Sonnenstrahlen den Rücken ein wenig wärmen lassen und überlegt, hinter wem ich herjagen könnte. Wer als nächstes Opfer in Frage käme, denn in der kommenden Vollmondnacht würde mein Jagdtrieb nicht mehr zu bändigen sein. Als ich meinen Kopf ein wenig anhob und durch die hohen Grashalme, die meine Nase kitzelten, zum Bootshaus schaute, sah ich sie vor der leicht geöffneten braunen Holztür sitzen und genüsslich an Etwas knabbern. 

„Nein…, nicht jetzt! Ich werde dich in der kommenden Nacht holen“, hatte ich zu mir selber gesagt und sie eine Zeitlang weiter beobachtet.

Und nun ist es soweit. Von hinten schleiche ich mich an, schaue vorsichtig um die Ecke des Holzhauses zur Tür, die immer noch etwas offen steht. Komme leise näher, Schritt für Schritt. Durch das hereinfallende Mondlicht kann ich sehen, dass sie hinten an der Wand auf dem Fußboden liegt und schläft. Mit zwei langen Sprüngen bin ich bei ihr. 

„Jetzt geht es dir an den Kragen. Ich habe zwar reichlich zu Abend gegessen, aber gegen ein kleines Nachtmahl habe ich nichts einzuwenden.“

Sie schreit auf, dreht sich hin und her, will mir entkommen. Ich lasse los. Panisch rennt die Kleine von einer Ecke zur anderen und ich immer hinter ihr her. Eine wilde Jagd, so richtig nach meinem Geschmack. Doch dann greife ich sie mir. Sie schreit kurz auf und schon ist es mit ihr vorbei. „Mmm, lecker…!

Zufrieden schleiche ich nach Hause. Klettere die enge Feuerleiter hoch, weiter auf das Dach und mache es mir neben dem alten Schornstein gemütlich. Von hier aus kann ich den Mond, der vollgerundet am samtblauen Nachthimmel steht, besonders gut betrachten. 

Ob dort oben auch wohl einige von uns leben? Geheimnisvolle, mystische Wesen, die vielleicht sogar Gedanken lesen können? Möglicherweise kann ich ja irgendwann mit ihnen in Kontakt treten. Aber im Moment bleibe ich lieber hier, denn ich habe einen ausgezeichneten Blick auf die Häuser, auf die roten Dächer in der Nachbarschaft, auf denen jetzt ebenfalls ein paar von uns stolz wie ägyptische Göttinnen sitzen. 

„Miau, miau“, begrüßen wir uns. 

Das gleißende Mondlicht begeistert uns so, dass wir gemeinsam eine wundervolle Arie anstimmen. Nur schade, dass trotz der späten Stunde in drei Häusern plötzlich das Licht angeht, die Fenster aufgerissen werden und ein wütendes Gezeter einsetzt. 

„Verfluchtes Katzengejammer. Aufhören, aufhören mit dem Gejaule!“

Was die Leute nur haben? Ich finde, wir singen wunderschön. Aber vielleicht sollten wir noch ein bisschen üben…

 Sommerkatze

Ich möchte eine Katze sein

lieg auf der Bank im Sonnenschein

und träume vor mich hin

ach wenn ich eine Katze wär

dann wär das Leben schön

ich müsste nicht zur Arbeit geh’n

und könnte mir die Welt anseh‘n 

 

Texte von Wolfgang Meyer:

Deine Rose

 ein 

harter Stiel

dornenbewacht

blättrige Nahrung

hinauf bis

zur Pracht

 

die blutrote

Blüte

dreht

sich aus

zur Vollendung

 

und duftet

der Liebsten

das

Gedicht

der Verschwendung

 

Gartenlust

 

 die milde Abendsonne

schrägt ihr Licht

auf letztes Tun

sanfte Farben

prägen

die Gießkannenkultur

Blumen

können Brauchwasser

kaum erwarten

es lacht

der Rasen

vor dem Sprenger

der Gärtner

vor dem Bier

 

morgen

wird die Wärme

das letzte Nass

erlecken

 

Milder Abend

 

 Spatzen 

entlausen

tagmüdes Laub

verfrüht

die belegten Brötchen

gegrillte

Einladungn

wehen herüber

 

Sonnenfinale

Gießkannen

im letzten Einsatz

abgetakelte

Sonnenschirme

träumen

von neuer Entfaltung

die Würze

der werdenden Nacht

macht süchtig

 

Naturwunder

 

 Rosen

wurden am

achten

Schöpfungstag

prachtgeboren

 darwinsche Entwicklung

braucht

Wunder

in 

Farbe und Duft

 so

war sie da

wie Fisch

und Fleisch

und Neid

 der 

Schöpferwille

schenkte

ihr Dornen

Wunderblüten

auf
Stacheldaht

 

Blutliebe

 

Sommerflirt

 

 ich habe den 

Sommer gesehen

von weitem zwar

es war noch April

die eisigen Umarmungen

des Jahres

gaben mich frei

Bienen

summten

Wärme

in mein Ohr

meine Augen

malten üppige Farbbilder

die Sinne

hitzten

gierig

nach mehr

mein Gehirn

programmierte sich

auf Hochstimmung

 ich habe

den Sommer gesehen

ich komme

nicht mehr

von ihm los

 

Stimmungsbild

  Es waren diese typisch spätsommerlichen Nachmittage.

 

 In unser hinterhofgeprägtes Wohnzimmer drang die altgelbliche  Nachmittagssonne durch die Fenster-

scheiben. Die Gardine warf Muster, die ich sesselsitzend zu deuten versuchte. Meine Mutter pflegte

an solchen Tagen zu nähen  oder zu stricken, sie saß jedenfalls leicht entspannt auf dem Stuhl.

Das Radio plärrte Unterhaltungsmusik, welche sie sehr mochte, denn sie sang leise mit,

Di-Da-Di-Da, immerzu diesen monotonen Text zur Musik, die keinen Text hatte.

 

Die Sonne stand nun tiefer und malte neue Gardinenmuster. Mein Mutter summte noch immer und

ich suchte weiter nach dem Sinn der sonnenbeleuchteten Quadrate oder Rechtecke. Ich hätte mir runde,

ovale oder achteckige Muster gewünscht, Pyramidenmuster vielleicht, die Sonne hätte als kreativ gegolten

und meine Langeweile wäre erträglich gewesen.

 

Stimmungen sind die Impulse für das Befinden.

 

Ja, dann waren da noch die Fliegen, wie sie um diese Jahreszeit zu Dutzenden an den Wänden und

an der Lampe zu finden sind. Sie putzten sich, vermehrten sich, schissen von unten nach oben an 

die Decke, saßen ständig in Ohr und Nase, brummten zuweilen und störten. Meine Mutter stopfte

Socken, sang das hymnische Di-Da-Di-Da zu dieser nichtssagenden Musik.

 

Die Gardinenmuster waren plötzlich verschwunden wie die Sonne. Es lag ein Schweigen im Zimmer.

Ein Schweigen der Ehrfurcht oder ein Schweigen des Desinteresses. Ich erwartete wie der Tag

die Dunkelheit.

 

Abends  kam mein Vater von der Arbeit.

 

Texte von Renate Berger:

 

Harry und ich.

Harry ist mein Sommergefährte, wir haben seit Jahren ein sonniges Verhältnis. Im Winter ruht Harry viel, weil er nicht an die frische Luft kann, sehr selten ist er im Schnee unterwegs. Ich habe mal versucht ihn zum Schneeräumen zu bewegen, doch obwohl ich ihm eine besonders große Schaufel gegeben hatte, hat er nicht viel geschafft. So ruht Harry im Winter schön eingepackt mit eingecremten Gelenken , ruht sich aus für das anstrengende Frühjahr. Das heißt nicht, dass Harry schwach ist, im Gegenteil, er strotzt vor Stärke ist ausdauernd und rattenscharf wenn es darauf ankommt.

Ich kann Harry alles erzählen, er plaudert keine Geheimnisse aus, egal wie pikant sie sind, selbst wenn ich fluche oder mir Schimpfwörter aus meinem Mund rutschen,  ist Harry nie beleidigt , ein wertvoller fleißiger Kamerad  der mich über Stock und Stein bringt. Harry braucht allerdings regelmäßig hochprozentiges, ausgetrocknet rührt er sich nicht von der Stelle,  gebe ich ihm was er braucht , so brummt er zufrieden ,ist sogleich voll da. Ich liebe es auf ihm zu sitzen, er trägt mich problemlos soweit ich will. Mit den Füssen drücke ich ihn ein wenig in die Seiten , schon  dreht Harry seine lustigen Runden mit mir. In der ganzen Nachbarschaft sind wir zu sehen, und zu hören, Harry mit rot glänzendem Gesicht und ich mit kurzen Hosen und laut jubelndem Getöse.

Jede Woche den ganzen Sommer lang treiben wir beide diese Spielchen, wir jagen durch Gras und Butterblumen, selbst Brennnesseln machen unserem Liebesspiel nichts aus. Wir genießen unser großes Grundstück  zu zweit umrunden den großen Teich, allerdings wäre mir Harry in Ufernähe, als ich auf Harrys Rücken nebenbei nach Fischen schauen wollte  fast entglitten und mit seinem klobigen Körper beinahe untergegangen  (Harry ist schwerfällig vom Körperbau , kann nicht schwimmen !).Ich musste alle Kraft aufwenden , stand mit den Beinen bis zu den Oberschenkeln im Wasser, habe Harry stöhnend ruckweise an Land gehievt. Danach lagen wir beide schlammverschmiert, ermattet am Ufer, ließen uns von der Sonne trocknen. Seitdem meiden wir abschüssige  Schräglagen und bewegen uns mehr im waagerechten. So bleibt unsere Liebe ohne Schrammen und ich kann fröhlich mit Harry den Sommer verbringen. Zum Herbst spendiere ich meinem Liebsten eine feine Pflegekur mit gutem Öl in einer Spezialwerkstatt für Rasenmäher, damit wir im nächsten Jahr unsere Touren übers Gras wieder mit Freude genießen können.

Ich liebe Harry meinen roten Rasenmäher!

 

 Okka mit der kaputten Seele.

Er konnte später nicht mehr sagen was an jenem Abend in ihn gefahren war . Okkas Seele war kaputt, so kaputt, so nach Liebe dürstend, so verzweifelt, so allein, dass er diese Nummer wählte. Normalerweise lag so etwas nicht in seiner Natur, denn er war ein Mann aus gutem Hause, mit erstklassiger Erziehung und Disziplin, Jurastudium  „ summa cum laude“ . solche  Nummern waren nicht seriös. Okka war seriös, von ihm ging eine Aura von integrer Aufrichtigkeit  aus, im Auftreten und erst recht im Handeln. Niemals hätte er sich eine Unkorrektheit erlaubt, er verachtete Unlauterkeit in jeder Form. Der Mann hoch angesehen, jedoch er war ein armes Schwein. Jetzt die zweite Frau abgehauen , mit einem Nichtsnutz ,sein Lebensbild verzerrt. Warum gab es keine Liebe für Ihn? Er brauchte einfach etwas Entspannung. Fast gleichgültig tippte er die Zahlentasten ins Telefon, atmete schnarrte seine Wünsche wie ein Diktat. Die Stimme – sanft, ruhig –verstand ihn,  wurde rauh und wieder sanft ,er hörte nichts von dem erwarteten Obzönen am anderen Ende der Leitung ,doch ergriff ihn eine unbändige Erregtheit. Die Worte perlten  wie Tautropfen auf seine wunde Seele. Ihm pulsierte das Blut, rauschte in seinen Ohren, er stammelte danke und gab bereitwillig seine Daten preis, betonte seine Ungebundenheit. Wollte das Telefonat in die Länge ziehen. Er lauschte dieser wunderbaren Stimme wie sie seinen Namen wiederholte, wie dem Klang einer Laute aus Kindertagen. Am liebsten hätte er seinen Herzschlag abgestellt, weil er ihm so laut erschien ,dass er die Lieblichkeit der Stimme störte. Dabei war es keine süße Stimme sondern die Ausgewogenheit an Reife und Verständnis. Die Zeit war abgelaufen. Hatten seine Sinne ihn getrogen, ärgerlich über seine Naivität Wählte er noch einmal die Zahlen .hatten ihn seine Sinne getrogen, konnte nicht glauben, was ihm geschehen, wollte sich vergewissern, was ist dran an dieser Stimme, einzigartiges.?Sobald das weiche leicht dunkle „Hallo ,Guten Abend „ an sein Ohr drang durchlief ihn erneut ein Schauer der Gefühle. Zitternd legte er der Hörer auf.

Er fasste einen Entschluss,

er wollte Mensch sein.